Gestern Abend veranstalte Carta im Anschluss an ein public viewing der Amtseinführung von Barack Obama eine Debatte zum "digitalen Präsidenten" bzw. "was kann Deutschland vom US-Online-Wahlkampf lernen". Leider musste ich wegen eines anderen Termins früher gehen, aber was ich bis dahin gehört hatte, hat mir nicht gefallen. Warum?
Die erste Aussage von Mercedes Bunz, Chefredakteurin Tagesspiegel Online, hat mich besonders geärgert. Sie stellte begeistert die neue whitehouse.gov Website von US-Präsident Obama vor und merkte an, dass das ja toll sei, so direkt zum Amtswechsel die neue Seite zu launchen, was ja in Deutschland bei seiner Bürokratie sicher nicht möglich sei.
Typisch "Deutschland-Bashing", aber leider völlig falsch. Denn beim Amtswechsel der Regierung in Deutschland 2005 von Schröder zu Bundeskanzlerin Merkel hat das Bundespresseamt (BPA) natürlich das auch gemacht. Damals waren pünktlich um 12 Uhr die Seiten bundesregierung.de und bundeskanzlerin.de erneuert. Das hat damals sogar die Presse bemerkt, aber Frau Bunz leider vergessen. Da ich damals bei der Agentur des BPA gearbeitet habe und diese "transition" auf Seiten der Agentur geleitet habe, kann ich mich sehr gut an diese schwierige Aufgabe erinnern. Das sich Konzept und Inhalt der Obamaseite von den BPA-Seiten unterscheiden, steht ausser Frage.
Auch die Aussage, dass die Obama Hausagentur "Blue State Digital" die neue Whitehouse-Seite umgesetzt habe, hat mich in ihrer unkritischen Art verwundert. Denn die Bush-Administration hatte sicher vorher auch einen Dienstleister, vermutlich per öffentlicher Ausschreibung (Procurement) ermittelt. Und wie ist jetzt Blue State Digital an diesen Auftrag einer staatlichen Behörde gekommen? Gab es eine Ausschreibung? Die Fragen hätte ich mir von den Experten gewünscht. Kritische Distanz zur "Obamania" sollte möglich sein.
Auch sonst war die Debatte geprägt von Platitüden und wenig neuen Aussagen zum Thema. Aber vielleicht habe ich den besseren Teil der Diskussion verpasst. Ich hatte bis zu meinem Aufbrechen den Verdacht, dass fleissig in US-Medien gelesen wird und begeistert von der Debatten dort berichtet wurde, aber wenig eigene Analyse bisher vorliegt. Und das finde ich in der Tat bezeichnend für die Debatte zum Thema "Online-Wahlkampf" bzw. "Internet und Politik" in Deutschland.
Mir fehlte auch eine Unterscheidung zwischen Wahlkampf (campaigning) und Regieren (government, presidency). Die Debatten und Fragestellungen zu "White House 2.0" sind andere.





